InterviewsNZZ-Interview vom 4. April 2019

NZZ-Interview vom 4. April 2019

Die CS-Pensionskasse reagiert auf die schwierige Situation in der zweiten Säule. Das Gespräch mit Geschäftsführer Martin Wagner führte Michael Ferber, Neue Zürcher Zeitung, 4. April 2019.

Im Jahr 2018 haben viele Schweizer Pensionskassen deutliche Verluste bei der Anlage ihrer Vorsorgegelder verbucht. Nun sind die Vorsorgeeinrichtungen gut ins neue Jahr gestartet. Ist jetzt alles wieder gut?
Nein, ich würde nicht sagen, dass jetzt wieder alles gut ist. Allerdings wehre ich mich auch gegen kurzfristige Betrachtungen. Das Pensionskassengeschäft ist langfristig ausgerichtet. Bei einem zehnjährigen Horizont ist ein solches viertes Quartal wie im vergangenen Jahr unangenehm, aber es ist nicht das Ende der Welt. Bei einem über zehnjährigen Anlagehorizont ist die Gefahr klein, mit Aktien Geld zu verlieren.

Die Geldpolitik ist weiter expansiv. Müssen wir uns für die kommenden Jahre auf weiterhin sehr niedrige Zinsen einstellen?
Wenn man Europa anschaut, und dazu zähle ich die Schweiz, dann sind wir eigentlich in einem Japan-Szenario: Die Bevölkerung schrumpft, das Durchschnittsalter steigt, und die Ansprüche nehmen zu. Deshalb müssen wir uns mittelfristig auf ein Umfeld mit niedrigen Zinsen einstellen. Es könnte auch länger dauern, beispielsweise zehn Jahre. Der Vorstoss, dass die Einnahmen der SNB aus den Negativzinsen den Pensionskassen zugutekommen sollen, ist Symptombekämpfung. Das Umfeld mit niedrigen Zinsen macht den Pensionskassen Mühe, nicht der Negativzins.

Sie halten also nichts von der jüngsten Initiative des St. Galler SP-Ständerats Paul Rechsteiner und des Schwyzer SVP-Ständerats Alex Kuprecht?
Das ist ein Schlag ins Wasser und wird das Problem nicht lösen.

Was würde passieren, wenn die Zentralbanken in der nächsten Phase der Schuldenkrise die Zinsen noch weiter in negatives Terrain senken würden? Wissenschafter wie der Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff reden bereits von Negativzinsen in Höhe von –6%.
Es hat den Anschein, als käme das System der kapitalgedeckten Altersvorsorge als Ganzes auf den Prüfstand. Meines Erachtens ist dies nicht der Fall, aber die heutige Rentengarantie, also dass laufende Renten nicht angepasst werden können, käme unter Druck. Ich bin nicht überzeugt, dass sich ein Zinsniveau von –6% über längere Zeit halten liesse. Sparen und Anlegen muss eine positive Performance bringen. Wenn das nicht möglich ist, fällt die ganze Ökonomie auseinander.

Zu den hausgemachten Problemen der beruflichen Vorsorge zählt indessen die starke Umverteilung von aktiven Versicherten zu Rentnern von rund 7 Mrd. Fr. pro Jahr. Welche Folgen hat das für die kapitalgedeckte Vorsorge?
In der zweiten Säule verträgt es nicht allzu viel zwangsweise Umverteilung. Die Leute wollen sehen, was sie für ihre Einzahlungen bekommen. Neben der Umverteilung von Aktiven zu Rentnern gibt es auch Umverteilungen von Ledigen zu Verheirateten oder von Kinderlosen zu Eltern. Die Umverteilung von Ledigen zu Verheirateten macht beispielsweise auch sehr viel aus, sie ist aber gesellschaftlich weitgehend akzeptiert. Einige Pensionskassen haben jüngst auf die Umverteilung von Ledigen zu Verheirateten reagiert: Dort können die Versicherten zwischen zwei verschiedenen Umwandlungssätzen wählen. Wenn man auf eine tiefere Ehegattenrente optiert hat, weil man diese nicht braucht, kann man von einem höheren Umwandlungssatz profitieren.

Viele Pensionskassen haben in den vergangenen Jahren auf die niedrigen Zinsen mit Leistungskürzungen reagiert, die CS-Pensionskasse ja auch. Wie tief können die Umwandlungssätze fallen, ohne dass die berufliche Vorsorge in Misskredit gerät?
Bei der Gesetzgebung des BVG hat man keinen Mechanismus eingeführt, der auf die immer höhere Lebenserwartung reagiert. Wenn man das aber nicht macht, wird das Pricing bzw. werden die Umwandlungssätze immer falscher. Deshalb ist die Frage nicht, ob wir die Legitimation der zweiten Säule aufs Spiel setzen, sondern es geht schlicht um den gesunden Menschenverstand. Es ist ein Fakt, dass die durchschnittliche Lebenserwartung der Menschen in der Schweiz seit der Einführung des BVG 1985 etwa um vier Jahre gestiegen ist. Von daher habe ich Respekt für Länder wie die Niederlande oder Schweden. Dort wurden Mechanismen eingeführt, wie man die Zunahme der Lebenserwartung im Generationenvertrag abbildet.

Warum tun sich die Schweizer mit der Erhöhung des Rentenalters so schwer?
Vielleicht hat man den Leuten falsche Erwartungen ins Ohr gesetzt. Spätestens wenn der AHV-Ausgleichsfonds bei null ist – und das wird grob 2030, vielleicht auch schon früher, der Fall sein –, muss der Bund über Notstandskredite oder Ähnliches die AHV sichern. Spätestens dann dürfte der Handlungsbedarf für alle offensichtlich werden.

Die CS-Pensionskasse hat ja recht einschneidende Massnahmen angekündigt, um sich auf die Zukunft vorzubereiten – unter anderem deutlich niedrigere Umwandlungssätze und ab einer gewissen Höhe einen Zwang, die berufliche Vorsorge als Kapital zu beziehen. Greifen diese Massnahmen bereits?
Ja. Als eines der Ergebnisse sehen wir, dass wir mit den neuen Pensionierungen weniger Verpflichtungen aufbauen im Rentnerbestand und auch weniger Pensionierungsverluste erleiden. Das ist die Strategie, die unser Stiftungsrat definiert hat. Die Pensionierungsverluste werden konsequent über die nächsten Jahre hinweg reduziert.

Ein weiterer Schritt sollte ja die Einführung sogenannter 1e-Vorsorgepläne für Versicherte mit einem Einkommen von mehr als 127 980 Fr. sein. Wie weit sind Sie hier?
Ab Anfang 2020 fliessen sämtliche Beiträge in unser aktuelles Kapitalsparen zwingend in das neue 1e-Kapitalsparen. Zudem bieten wir eine einmalige Option an, bestehende Gelder im Kapitalsparen in den 1e-Plan zu übertragen. So können Versicherte ihre Vorsorge stärker mitbestimmen. Sie können eine von sechs Anlagestrategien für die Verwaltung dieser Gelder wählen. Dabei haben sie Strategien mit einer Aktienquote von zwischen 0 und 75% zur Wahl.

Mit der Einführung von 1e-Vorsorgeplänen überträgt der Arbeitgeber bzw. die Pensionskasse aber auch Anlagerisiken auf die Versicherten. Wie sehen Sie das?
Es handelt sich um Mitarbeiter, die mehr als 127 980 Fr. verdienen. Den rund 8000 betroffenen aktiven Mitarbeitern der CS in der Schweiz traue ich zu, solche Anlageentscheide zu treffen. Die 1e-Pläne leisten einen Beitrag, um bei den höheren Löhnen die Umverteilung zu stoppen. Kritische Stimmen sagen, dass 1e-Pläne die Solidarität in der zweiten Säule zunichtemachen. Wir haben die Kollektivität in unserem 1e-Plan aber immer noch, beispielsweise die kollektive Lebensversicherung. Wenn jemand im Alter von Mitte 50 eine Einzellebensversicherung abschliessen will, dann verlangt die Versicherung eine Gesundheitsprüfung und entscheidet möglicherweise, keine Versicherung abzuschliessen. In der beruflichen Vorsorge haben wir sehr gute Leistungen ohne Gesundheitsprüfung. Als Einzelperson kann ich das nicht replizieren.

Viele Kassen gehen bei der Vermögensanlage grössere Risiken ein und setzen stärker auf illiquide Anlagen. Was macht die CS-Pensionskasse?
Wir reagieren nicht unbedingt auf die Entwicklung, wir haben schon seit langer Zeit einen hohen Anteil an alternativen Anlagen. Dieser lag Ende 2018 bei 21%, Immobilienanlagen nicht eingerechnet.

Ihre Kasse soll ja einen recht hohen Anteil an Hedge-Funds haben. Sind Sie zufrieden mit deren Performance?
Auch für Hedge-Fund-Manager ist das Umfeld anspruchsvoller geworden. Wir haben diese Anlageklasse letztes Jahr auf den Prüfstand gestellt und entschieden, zwei Drittel des Portfolios zu liquidieren. Es ist möglich, dass wir das Hedge-Funds-Programm ganz schliessen.